Bierhoff, Seehofer, Kurz: alles keine Sozialarbeiter

Aber relevant für die Soziale Arbeit!

Die Art des Vorgehens um Abzulenken: von den eigenen Schwierigkeiten und dem eigenen Versagen; dem rücksichtslosen Vertreten der eigenen Interessen; dem Verweigern gesellschaftliche Realität und Verantwortung wahrzunehmen, sind Positionen, denen die Soziale Arbeit ständig begegnet. Alle Drei spielen mit Melodien, die dauerhaft und folgenreich zum Umfeld der Sozialen Arbeit gehören.
Also wie umgehen mit begabten Strategen der Unverantwortlichkeit? Wie mit den geschickten Verschiebern von Problemen? Und wie auf die Strategien reagieren, soziale Fragen die Legitimation zu entziehen?
Reichen moralische Entrüstung, normative Hinweise, selbstvergebene Ethikzertifikate aus, um in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen nicht nur Gehör zu finden, sondern auch Wirkungen zu erzielen?

Die Fragen sind weder einfach noch bequem. Die Mühen lohnen sich aber und haben bessere Aussichten, als die folgenlosen Entrüstungen über die Herren.

Wilfried Hosemann

Avenidas

Die Auseinandersetzungen um das nachfolgende Gedicht von E. Gomringer an der Außenfassade der Alice Salomon Hochschule ASH Berlin haben eine bundesweite Resonanz in der Öffentlichkeit gefunden.

avenidas
avenidas y flores
flores
flores y mujeres
avenidas
avenidas y mujeres
avenidas y flores y mujeres y
un admirador

Übersetzt auf Deutsch, heißt es in dem Gedicht:

Alleen
Alleen und Blumen
Blumen
Blumen und Frauen
Alleen
Alleen und Frauen
Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer

Die ASH ist eine der traditionsreichsten und größten Ausbildungsstätten für Soziale Arbeit mit Folgewirkungen in Praxis, Wissenschaft und Forschung. Damit trägt die ASH mit ihrem Einfluss Verantwortung für die gesamte Soziale Arbeit.
Welche Interpretationen von Sozialer Arbeit an diesem Ort des professionellen Diskurses Bedeutung erlangen und wie diese in die gesellschaftliche Kommunikation einfließen, ist auch aus einer professionellen und systemischen Perspektive interessant. Genau diese beiden Perspektiven möchten wir mit Ihnen diskutieren, um dann zu entscheiden, ob und in welcher Form wir Stellung nehmen wollen. Wir bieten folgende Ausgangsfragen an:

• Nach Entscheidung des Senats der ASH lässt die Hochschule mit „Avenidas“ ein Gedicht überstreichen, welches in dem Antrag der Studierendenseite mit sexueller Belästigung assoziiert wurde.
Mit welchen längerfristigen Effekten auf die Klienten, die kollegiale Diskussion und die Wahrnehmung der Sozialen Arbeit im Kreis der psychosozialen Professionen ist infolge der Entscheidung zu rechnen?

• Ist es angemessen, dass sich das Rektorat der ASH in der Debatte um das Gedicht auf Partizipation und Demokratisierung, und damit auf Leitideen Sozialer Arbeit, bezieht?

• Welche Zukunft der Sozialen Arbeit lässt sich entlang des Konfliktes und seiner Gestaltung durch die Hochschulleitung diskutieren?

• Wie wird sich die Soziale Arbeit entwickeln, wenn sie mit dem Erreichen von sozial angestrebten Zielen (bspw. dem Ziel der sexuellen Selbstbestimmung) gleichgesetzt wird?

• Wie gelingt es Sozialer Arbeit im Rahmen der Debatte, eine gemeinsame Sprache mit Menschen außerhalb des gesellschaftlichen Funktionsbereichs Sozialer Arbeit zu finden? Wie kann unterstützt werden, dass Soziale Arbeit wieder im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht?

Dornröschenschlaf?

Vielleicht gelingt es ja, mit Schreckensmeldungen, welche die Soziale Arbeit direkt betreffen, diesen Blog ins Leben zurück zu schocken…

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/missbrauchsfall-bei-freiburg-praesidium-prueft-jugendamt-a-1189363.html

Wer hat da gepennt? Welche Kontexte begünstigen ein Wegsehen? Was muss eigentlich von wem gesehen werden?

Und: Kommt jetzt bald die Zertifizierung samt Qualitätsmanagement und Dokuanforderungen in den Hilfen zur Erziehung?

Die Schockstarre löst sich …

Die Schockstarre löst sich…

die Vertreter der zukünftigen Jamaikakoalition agieren schon, kalkulieren, optionieren, wägen ab.
Ja, das erwarten wir ja auch von unseren Ge-und Erwählten.
Der eigene Denkraum bewegt sich aus der Schockstarre “O Gott, das darf doch nicht wahr sein; soooo viel für die AFD“, zum Vorsichtigen: „Mal sehen, was das bringt, jedenfalls sind die Karten neu gemischt“; sich Raum zu verschaffen, es stellt sich vielleicht sogar die Bereit¬schaft ein nun doch aktiver am politischen Geschehen zu werden, die Trägheit aus Zeiten der Gro¬Ko hat keine Berechtigung mehr. Die Wahlergebnisse von Österreich und Tschechien, obwohl dort wesentlich extremer, schocken schon nicht mehr ganz so hart.
Nun, ich hör euch schon rufen: Gut und schön, aber was hat das alles mit der Sozialen Arbeit und / oder gar mit systemischen Denken zu tun?
Unsere Anschlußfägigkeiten sind gefragt, unser „man kann ja eh nichts ändern“ Schulternzucken lässt sich nicht mehr mit „Kontingenz“ erklären. Die zum Ringen angetretenen Parteien wollten in ihren Wahlprogrammen im Bereich „Soziales“, „Arbeit“, „Integration“ und „Inklusion“ manch brauchbares, hoffnungsvolles; es wird Zeit nun von seiten der Sozialen Arbeit zu formulieren, was es für Bedarfe gibt, welche Qualität Soziale Arbeit hat und wie diese auch in Zukunft erhalten wer¬den kann. Das Zusammenfinden der drei neuen Farben ist auch Emergenz und fordert die Bereit¬schaft Neues auch zu formulieren.
Beteiligtsein und -werden wird wohl nun der Maßstab werden, an dem soziales Arbeiten in Theo¬rie und Praxis (obwohl es diese Trennung gerade im systemischen Denken kaum geben kann) ihre Qualität schärfen wird. In den Zeiten der GroKo hatte ich den Eindruck, dass sich die Bereiche der sozialen Versorgung „in der Breite“ einrichteten, Märkte wurden erschlossen und definiert; manche Wildheit der Ökonomisierung um die Jahrhundertwende fand ihren Platz in der Behäbigkeit von Or-ganisationsentwicklung und Platzfindung. Die Herausforderungen durch die große Anzahl von Flüchtlingen und die folgenden Fragen der Integration ließen das Management der sozialen Dienste etwas aufschrecken, doch war man schon auch sehr froh, dass die Anstrengungen der bürgerlichen Selbsthilfe die Stressspitzen stark abflachten, die Bereitschaft rasch und unkompliziert Hilfsstruktu¬ren zu entwickeln, blieb lange Zeit den örtlichen Helferkreisen vorbehalten. Manchmal hatte man auch ganz erstaunt den örtlichen und regionalen Behörden zugesehen, wie rasch und handlungssi¬cher diese auftraten und Hilfestrukturen schafften, gelegentliches administratives Versagen wurde skandalisiert, oft zurecht, manchmal auch genüsslich.
Die kommenden Monate werden zeigen, wie die Gemengenlage von örtlichen Helferkreisen, be-auftragten Wohlfahrtsverbänden und öffentlicher Verwaltung nicht nur im Bereich der Flüchtlings¬hilfe sondern auch in anderen Bereichen der sozialen Arbeit „Hefe im Sauerteig“ der Entwicklung sein wird. Ein Beispiel hierzu: Die Meinung, dass die Hilfebereitschaft im Umgang mit den Flücht¬lingen, die Sorge um die „eigenen Armen“ verkleinern ließ und dass u.a. auch deshalb die AFD einen solchen Zulauf bekommen hätte (was im Übrigen nicht stimmt), lässt vermuten, dass es auch vor dem Flüchtlingszustrom ein gewisses Ausmaß an bürgerlichem Engagement gegeben hätte, Ar-mutsbekämpfung zu betreiben. Die periodisch erscheinenden Armutsberichte, zuletzt von der Ber-telsmannstiftung, sind nicht nur der empirisch erhobene gesellschaftliche Skandal, sondern zuerst mal Auftrag nachzudenken, welcher Art von öffentlicher Verantwortung für die soziale Sicherheit gegenwärtig und für die Zukunft notwendig wird. Als Beispiel sei die Kinderhilfe angeregt; der ra¬pide Anstieg der Kinderarmut ist sicher auch dem Kinderzuzug im Geschehen mit den Flüchtlingen verbunden, aber viel mehr besorgniserregend ist doch, dass die soziale „Vererbung“ von Armut nun seit Generationen bereits anhält. Das Abgehängtsein von Bildungsprozessen und beruflichen Per¬spektiven ist zu einer Sozialisationsgrunderfahrung besonders in den Großstädten geworden. „Hart¬zen“ als Berufsperpektive zum zynischen Witz. Hier gilt es zu überlegen, ob die Kinder- und Ju¬gendhilfe nicht von der Hilfe für die Eltern abgekoppelt werden sollte, also die finanziellen Mittel nicht mehr zum Familieneinkommen werden. Es ist doch ein Skandal, dass z.B. das Kindergeld bei Hartzbezug angerechnet wird, die Kinder somit zu ihren eigenen Mitteln keinen Zugang bekom¬men.
Selbstverständlich gehört in diesem Zusammenhang die Diskussion der Einkommen insbesondere der niedrigen Lohngruppen, besonders bei zeitlich befristeten und Leiharbeitverträgen dazu. Das Auseinandertriften der Einkommensschere hat das Maß der Unerträglichkeit schon lange erreicht.

Das Beispiel steht für Vieles; Fragen zum internationalen Zusammenwirken Sozialer Arbeit gerade jetzt in Zeiten der sogenannten Erfolge der populistischen Marktschreier drängen sich auf. All diese werden an der Schraube der sozialen Sicherung drehen, wie es in den USA sofort nach dem Administrationswechsel geschehen ist, auch in Österreich wurde es bereits angekündigt.
Es wird kälter werden, viel kälter und es wird, wie immer, die Soziale Arbeit und deren Legitimation nachgefragt sein, die Lampe der gesellschaftlichen Wachsamkeit und Solidarität zum Glühen zu bringen.

Mit solidarischen Grüßen
Hubert Jall, Füssen

Wille und Macht in der Sozialen Arbeit – Fachnachmittag der DGSSA

Fachnachmittag der DGSSA im Schlot

Freitag, 10. November 2017 in Berlin
ORT: Kunstfabrik Schlot Invalidenstraße 117, 10115 Berlin
UHRZEIT 13 – 17 Uhr

Der Fachnachmittag ist dem kollegialen Austausch gewidmet. Entlang der Themen „Wille und Macht in der Sozialen Arbeit“ können sich Interessierte zusammenfinden und Erfahrungen und Ideen austauschen. Nach der Bundestagswahl ist sicherlich ein guter Zeitpunkt für die Themen:

– Genügt der Wille der Klienten als Basis für eine Zusammenarbeit mit diesen?
– Mit welchen Rückwirkungen auf die Soziale Arbeit ist zu rechnen, wenn als Ausgangspunkt der Interaktion Sozialer Arbeit mit Klienten der Wille der Klienten gilt?
– Was macht einen Willen zu einem guten Willen? Können Ansätze der Sozialen Arbeit darauf verzichten, für eine Entwicklung der Klienten hin zu einem „guten Willen“ Programme zu haben und Macht auszuüben?
-Woran können unsere Klienten entdecken, dass Soziale Arbeit dem Willen der Klienten gesellschaftlicheBedeutung und Einfluss verleiht?
-Was macht sozialarbeiterische Machtausübung zu einer guten Machtausübung?

Wir, der Vorstand, geben die Fragen zur Diskussion im blog frei, um vorab den Blick für das Thema in Vorbereitung auf den Fachnachmittag zu schärfen!

Der beteiligte Bürger…

…zeigt sich vielleicht nicht unbedingt hier im Blog, aber doch an anderer Stelle. In Ermangelung an eigenen schlauen Worten und um Kosten/Nutzen im Verhältnis zu halten, verlinke ich einfach mal:

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/g20-gipfel-in-hamburg-sascha-lobo-ueber-den-umgang-mit-extremisten-im-netz-a-1157337.html

1984 oder wie ich lernte, den Konstruktivismus zu lieben

Was geht gerade eigentlich seit geraumer Zeit gesellschaftlich vor sich?

Alternative Fakten, Fake News, Lügenpresse, Gefühlte Realität, usw.

Sieht es nicht ein wenig so aus, als ob konstruktivistische Deutungsmuster in der politischen Diskussion angekommen sind? Nur werden sie auf eine Art und Weise angewandt, wie es so gar nicht im Sinne der Entdecker war? Geht es doch um eine Unterscheidung Freund/Feind, die auch der aufgeklärte Systemiker bemühen muss, um nicht tatenlos zuzusehen? Sind im Informationsoverkill überhaupt noch irgendwelche validen Einschätzungen über Konsequenzen von Entscheidungen möglich? Wo fängt die eigene Wirksamkeit an und wie weit reicht sie?

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/donald-trump-sprachattacke-der-rechtspopulisten-trompeten-des-trumpismus-a-1133299.html

(Ich finde v.a. die erste Hälfte des Artikels sehr interessant – danach wird mir ein wenig zu viel über die Motive von Personen hypothetisiert).

Was, wenn wir, im systemtheoretischen Elfenbeinturm sitzend, zu lange gepennt haben? Welche eigenen Muster können wir verändern, um im gesellschaftlichen Diskurs einen Unterschied zu machen, der einen Unterschied macht? Ist ein „weiter-so“ angebracht?

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2017

Zunächst einmal ein fröhliches und gesundes Jahr 2017 in die Runde hier.

Dieser Blog hat mittlerweile zwei volle Jahre auf dem Buckel. Auch wenn es hin und wieder sehr mühselig ist, als (fast) einsamer Rufer in der Wüste zu stehen, ist es mein guter Vorsatz, auch weiterhin hier hin und wieder etwas zu schreiben – auch wenn ein wenig Verstärkung oder Resonanz manchmal sehr nett wäre. Aber man kann/will ja nichts erzwingen. 😉

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Faktisch postfaktisch…

Nun sind wir also scheinbar faktisch im postfaktischen angekommen. Die Ratio streicht die Segel und macht es sich mit einem Cocktail am Strand gemütlich.

Holt sich unsere Kultur jetzt selbst ein? Schließlich wurde das Wohlgefühl und das sorgenfreie Leben viele Jahre als Verkaufsargument für Hautcremes, Versicherungen, Wahlprogramme und Karibikkreuzfahrten beschwört. Erleben wir jetzt, dass sich derlei Unsicherheitsabsorption mithilfe sozialer Medien anderweitig in überregionalen Selbsthilfegruppen organisieren lässt? Oder wie?

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Arrival

Letzte Woche ist ein – wie ich finde – bemerkenswerter Film im Kino gestartet. Arrival von Denis Villeneuve bedient sich eines Grundthemas des Science Fiction Films („Die Außerirdischen sind gelandet!“) und strickt daraus etwas ganz eigenes.

Was hat denn das jetzt bitte mit Sozialer Arbeit und Systemtheorie zu tun?

Sprache…

Der Film befasst sich mit Sprache als Medium, um die Kluft zwischen den Menschen (im Film) und dem absolut Fremden (die Aliens im Film – auch bemerkenswert, wie der Film elegant Klischees von Außerirdischen im Film umschifft) zu überwinden. Davon ausgehend wird die Frage erörtert, wie Sprache die Möglichkeiten der Wahrnehmung von Raum und Zeit bedingt. Mit diesem „Was wäre wenn?“ schafft Arrival einen Reflexionsrahmen für die Kontingenz unserer basalen Konstruktionen von Wirklichkeit. So etwas ist mir schon lange nicht mehr begegnet. Und obwohl der Kinosaal im Popcornkino voll war, war es an den entscheidenden Stellen andächtig still.

Mal wieder ein kleiner Grund zur Hoffnung…

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