Personen und Systeme

Jetzt steht er/sie also bald fest – wahrscheinlich wird es ein er…

Wenn ich jetzt beobachte, wie Soziale Systeme auf Personen zurechnen bzw. Personen als Adressen und Bezugspunkte für Systeme in der Kommunikation kreiert werden, dann stimmt es mich schon nachdenklich, wenn ich mir ansehe, welche Personen „zur Wahl“ stehen. Gleichwohl habe ich den Eindruck, dass die eine Person das Spiel Demokratie regelkonformer spielt/darstellt und scheinbar paradoxerweise genau deswegen verliert: Die Protestwähler wählen die „mächtigste“ Person der Welt.

Ebenso beobachte ich, dass Personen nicht die Macht und den Einfluss haben, die ihnen in der Suche nach Heldenverehrung gerne zugeschrieben werden. Und gleichzeitig frage ich mich schon, was es über den Zustand einer Demokratie aussagt, wenn die richtig üblen Parolen erst salon- und dann mehrheitsfähig werden?

Besteht ein Grund zur Sorge?

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17 thoughts on “Personen und Systeme

  1. Hallo Michael,

    einen ganz wichtigen Punkt hast Du ja gleich klargestellt: Trump-Schelte hilft weiter.

    Ebenso wenig führt es weiter, auf die Leute oder die Amerikaner insgesamt zu schimpfen (oder sie sogar arrogant zu beleidigen).
    Richtig ist, wir müssen reden, obwohl schon so viel gesagt wurde. Selbstreflexion ist angesagt.
    Über die Rolle und das Auftreten der Sozialen Arbeit. Wird angemessen über den Sozialstaat gesprochen und nachgedacht? Wie wird er wem gegenüber dargestellt? Wird die Soziale Arbeit ihrer Anwaltsfunktion gerecht? Stellt sie hinreichend dar, wie alle von ihrer Arbeit profitieren?
    Ich würde gerne über tragfähige Gegenstrategien zum Populismus jedweder Richtung diskutieren.

    Wilfried

  2. Werte MitbloggerInnen,

    Personen und Systeme.
    Nun ist Trump der Triumph gelungen, hoffen wir mal, dass Hillary mit ihrer Niederlage bald über den Berg ist.
    Das zum Kleinen, leicht zurechenbaren.
    Den „Etablierten“ und durch das Wahlergebnis deutlich geworden, vorwiegend den Demokraten, wird zu große Distanz zum Volk vorgeworfen (Eltiten kümmern sich um die Herkunft veganer Zutaten, fahren teure E-Cars, die sich der Durchschnittsamerikaner nicht leisten kann und vor allem, die außerhalb mentaler Horizonte liegen).
    Dagoberts Sohn, (Donald) sagt, dass er die Unsichtbaren wieder sichtbar machen will.

    Wo ist eigentlich die Sozialarbeit?

    Sie erscheint wohl so etabliert, dass sie als Teil des Establishments blind für die Bevölkerung und ihre Bedürfnisse wurde, individuell bezahlt von „Haves“ gegenüber „Have-nots“- jedenfalls wurde der Kontakt, die Kommunikation vom Bodenpersonal zum Tower wohl massiv geschädigt, sie wurde wohl nicht ernst genommen, sofern da überhaupt etwas kommuniziert wurde.
    Ich sehe diese Wahl als massives Versagen der dortigen Social Work (als System oder als Organisationen die in „Wohlfahrtsstaatliche“ (hier eher Wohltätigkeit) Kontexte eingebunden sind und Exklusion allenfalls verwalten. (Bommes/Scherr 1996)

    Deutsche Aussichten könnten sein:
    Wann zieht die AfD oder ihre Perspektiven in den Bundestag ein und übernimmt noch deutlicher innerhalb ihrer Regierungsverantwortung das Sozial- und Familienministerium?

    • Gute Idee: Laden wir die ganze Misere der politischen Abläufe und Logiken und deren Bearbeitung einfach auch noch mit in die Zuständigkeit der Sozialen Arbeit. Dann sind die Kolleginnen und Kollegen „verantwortlich“ und können sich dann wahlweise nach persönlicher politischer Agenda freuen oder ärgern, wenn der eine oder der andere Wahlen gewinnt.
      Für mich ist da eher die Frage zu stellen, wie auf unterschiedlichen Ebenen der Sozialen Arbeit Resonanzräume geschaffen werden können?
      Z.B.: Wie geht man mit antidemokratischen oder diskriminierenden Sichtweisen bzw. mit Lagen, die selbige befördern, um? Wie werden aktuelle Entwicklungen bei Entscheidungsträgern in Organisationen von Politik und Wirtschaft rückgekoppelt (von der Kommune aufwärts)?
      Den Schuh, ob irgendwer in den Bundestag einzieht oder nicht, ziehe ich mir nicht als Sozialarbeiter an. Dagegen verwehre ich mich. Als Staatsbürger sehe ich mich da durchaus in der Verantwortung.

  3. Facts make up Stories-
    Stories make up Facts-
    Frames – Reframes

    Ich hätte da für Staatsbürger und SozialarbeiterInnen etwas zum Lesen und Reinhören.
    Das erinnert mich ein Stück an Lakoff/Johnson: „Metaphors We Live By“ auf Deutsch irgendwie „Metaphern und wie wir mit ihnen leben“:

    Das Charmante an den Analysen der Berkeley-Dozentin Wehling ist, dass sie Trump aus der Ecke der „nur-Polterer“, des planlosen triebgesteuerten Deppen (den man gerne peinlich berührt ignoriert) rausholt und ihn stattdessen als kühl kalkulierenden Big-Data-Analysten kontextualisiert, der (natürlich nicht alleine sondern mit Systemen um ihn herum) dem Volk besser aufs Maul geschaut hat als die etablierten Parteien, die völlig hinter dem Berg erscheinen:

    Was kann Soziale Arbeit hiervon für sich nützlich machen:

    http://www.carta.info/81850/trump-der-ideologiefluesterer/

    http://blogs.deutschlandfunk.de/berlinbruessel/wp-content/uploads/sites/5/2016/11/Elisabeth-Wehling_Politik-Stimmungen-und-Emotionen.mp3

    Ähnlich auch Jörg Lau in der aktuellen Zeit.

    Schönen Tag!

    • Ja… und? Soll die Soziale Arbeit jetzt noch mehr framen? Braucht sie einen eigenen Fernsehsender, um mal so richtig zu framen? Oder wie?
      Wie fördert man systemisches Denken bei denen, die so gar nicht systemisch denken (wollen/können)? Also der Fernsehsender, um alle mind. 10 Minuten lang beballern zu können?

      Hat der Allmächtige eigentlich ein Beschwerdemanagement, wo man mal nachhaken kann, wieso er das Domestizierte-Affen-Hirn so gebaut hat und nicht faktenbasiert?

  4. Keine weiteren Fragen…

    Verstehe ich das richtig: Sozialarbeit scheint nicht wirkmächtig?
    Möglicherweise ist sie weniger die Adresse für Soziale Gerechtigkeit, sondern für die, fast hätte ich gesagt Generierung, komme jedoch eher zu „aufmerksam machen“ im Hinblick auf Chancen.
    Dann könnte man Sozialarbeit als Job im Sekretariat des Chancenverwertungsmanagements verstehen, innerhalb dessen Jobs für eine disparate Sozialarbeiterschaft selbst bechanced sind. Oder?

    Lieber Gruß!

    • „Verstehe ich das richtig: Sozialarbeit scheint nicht wirkmächtig?“
      Habe ich nicht gesagt 😉
      Nur sie sollte auch sehen, inwieweit sie und/oder andere Akteure Verantwortung tragen. Sonst bleibt sie klassisch an ihrer Binnenseite kleben und begreift sich nicht im Gesamtarrangement. Und der Sprung vom Wahlsieg zum Scheitern von Sozialer Arbeit ging mir dann doch zu schnell, um ihn einfach so durchzuwinken.

  5. Hallo,
    vielen Dank für die tollen Links und die Diskussion !

    Ich will nicht die ganze Misere und deren Bewältigung der Sozialen Arbeit in die Schuhe schieben.

    Die Reflexion folgender Punkte scheint mir aber nützlich:

    a) Vorsicht vor Refeudalisierung und Populismus
    b)Rein in den Tunnel heißt raus aus dem Tunnel
    c) Aufmerksamkeit für Normale schändet nicht
    d) Wer profitiert von Sozialstaats-Beschimpfungen?

    Für heute : Vorsicht vor Refeudalisierung und Populismus

    „Wir Praktiker vor Ort holen das Maximale für unsere Klienten raus und unsere Leitungen da oben sollen sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen“. Da ist was dran – und genau das Gegenteil von einer systemischen Perspektive. Dieses Argument macht eben die Praktiker nicht stark: Es nimmt ihnen Bedeutung und festigt das Bild von Ohnmacht und fehlendem Einfluss. Es lebt von unten und oben.
    Das Schema ist sehr alt und sehr einfach.
    Einfache Logiken sind attraktiv. Besonders wenn sie charmant und als modern vorgetragen werden.

    Was mich interessiert: Wo kippt der Schutz (die Notwendigkeit), der in den verschiedenen Aufgabenebenen besteht, in sein Gegenteil und wird dysfunktional?

    Respekt !
    Wilfried

  6. Wenn wir das Spannungsverhältnis zwischen Sozialer Arbeit und Trump noch einmal ins Auge nehmen, dann sind die Refeudalisierungtendenzen in beiden Fällen ein relevanter Aspekt. Denn wie der Sozialarbeiter in dem Beispiel von Wilfried den Führungskräften der Organisationen die Aufgabe gibt soziale Gerechtigkeit zu „erarbeiten“, so haben es viele in den US für nötig gehalten, einen Führer zu wählen. In beiden Fällen sollen Akteure, denen aus unterschiedlichen Gründen Macht zugesprochen wird, die Dinge regeln. Interessant wäre, wie viel SozialarbeiterInnen Trump gewählt haben, da auch sie in den USA der großen Gefahr ausgesetzt sind, zu den Abgehängten zu gelangen.

  7. Hallo,

    heute: Rein in den Tunnel heißt raus aus dem Tunnel

    „Du musst Dich konzentrieren auf ein Gebiet von Fällen, auf eine Gruppe von Leuten, denen Du wirklich helfen kannst – sonst wird das Nichts, Du verzettelst Dich und am Ende hilfst Du Niemanden“. Da ist was dran – aber was ist mit all Denjenigen, die gar nicht erst im Blickfeld erscheinen. Okay: Die sollen sich selber melden und auf die hat die Leitung zu achten.

    Das Problem ist, wenn denen keiner zuhört, weil einfach keiner da ist (oder Zeit hat) und die Leitung mit anderen Aufgaben ausgelastet ist, entwickeln sich Milieus, die sich nicht in der Sozialen Arbeit positiv wiederfinden. Und da Einige sich grundsätzlich nicht positiv von der Sozialen Arbeit angesprochen fühlen, entsteht eine weitere Spaltung. Und in der Öffentlichkeit entsteht der Eindruck, Soziale Arbeit versorge nur ihr Klientel (Lobbyist wie jeder andere)

    Tunnel sind unerhört nützlich und gut dass man auch wieder rauskommt – aber wer kennt eigentlich die Karte von der Landschaft?

    Wilfried

  8. Von Glück und Selbstsausbeutung / Personen und Systeme

    Ein Blick in das, was nicht als Sozialarbeit beschrieben wird, es jedoch im Kern genau ist:

    Zitat aus dem Text:
    „Theorie und Praxis beherrschen
    Honorarkräfte müssen nicht nur gute praktische Arbeit leisten. Sie sollten immer auch gute Theoretiker sein. Ehe ein Projekt mit Kindern startet, muss ein schriftlicher Antrag eine Kommission, eine Jury, einen Beirat überzeugt haben. Dabei gilt: Es gibt kein Programm – weder von der Bundesregierung noch von privaten Stiftungen –, welches das Antragsschreiben vergüten würde. Dafür ist einfach kein Geld vorgesehen. Antragschreiben ist eine hoch komplexe Freizeitaktivität. Sei innovativ. Sei nachhaltig. Sei Modellprojekt. Sei Heilmittel. Sei besser als alles, was schon da ist. Sei preiswert und klug.“

    http://www.deutschlandradiokultur.de/kulturelle-bildung-von-glueck-und-selbstausbeutung.976.de.html?dram:article_id=372651

    • Danke für den Link… ich kann das so unterschreiben. Da kann man froh sein, wenn Forschung und Entwicklung im eigenen Betrieb in den Stellenprofilen mit eingerechnet ist und Stellen geschaffen werden können, die für Antragsstellungen zuständig sein können.
      Durch unsere QM-Aktivitäten im Rahmen der Zertifizierung eines Projektes habe ich gelernt, dass die Produktentwicklung in der Wirtschaft im Produktpreis mitkalkuliert wird, um so Puffer für Forschung und Entwicklung im Betrieb zu schaffen. Wie sind diese in Kalkulationen von Sozialer Arbeit abgebildet?
      Und: Die Unterscheidung oben/unten kann ja nützlich sein im Hinblick auf die Engführung bzw. Funktionalisierung von Entscheidungshorizonten – wenn alle bei allem mitreden, wird eine Organisation unzureichend handlungsfähig. Aber: Im Hinblick auf die Legitimation und die Verhandlung der Leistung von Sozialer Arbeit sind alle gefragt – da bringt es nix, wenn wahlweise von oben und unten in die andere Richtung gezeigt wird – da ist mir das Risiko eines nur allzu behaglichen Nestes, von dem aus die anderen beim Machen beobachtet werden, zu groß.

  9. Hallo,
    heute: Aufmerksamkeit für Normale schändet nicht!

    „Ich kann ganz gut damit leben, dass die Leute verschieden sind und die Vielfalt als Anregung begreifen. Viele haben eben mit Diversity noch ihre Probleme.“
    Da ist was dran. Aber nimmt dies die Situation der „Anderen“ zur Kenntnis? Kommen deren Belastungen zur Geltung – und nicht nur die der Minderheit, denen aufgrund des professionellen Auftrages zu ihren Rechten verholfen werden soll? Wenn die Praxis und die Idee der sozialen Marktwirtschaft für Viele in der Gesellschaft nicht mehr trägt, kann das Vertreten von Rechten von Minderheiten nicht mehr ausreichen. Da kommt die Frage auf, was und wem hilft die Rede von Diversity bei sozialen Konflikten?

    Die Soziale Arbeit sollte Mario Barth weder auf den Leim gehen noch ihm die Kommunikation überlassen.
    Wilfried

  10. Hallo,

    heute: Wer profitiert von Sozialstaats-Beschimpfungen?

    „Der Sozialstaat reicht hinten und vorne nicht, hilft den Falschen und legitimiert Nichts gegen die Armut zu tun!“

    Da ist was dran. Und wem nutzt eine pauschale Kritik des Sozialstaates? Da kann man sehr unterschiedliche Gruppen mit sehr verschiedenen Motiven entdecken, nur mal so als Beispiele:
    – Wer als HochschullehrerIn in der Sozialen Arbeit tätig ist, kann damit lässig den Baum düngen auf dem er/sie sitzt.
    – Wer sich als Opfer betrachtet, kann damit gut auf Täter verweisen, denen man nie richtig begegnen kann.
    – Wer sich als Retter begreift, kann damit gut begründen, warum Rettungsversuche scheitern.
    – Wer sich als Systemiker versteht, kann damit Luft unter seinen fliegenden Teppich schaufeln, um komfortabel über allerlei Klippen von eigenen Unzulänglichkeiten und interessanten Widersprüchen in der Umwelt zu gleiten.
    – Wer rechte Ideen vertritt, kann das Versagen der anderen sehr gut gebrauchen, um andere Formen von sozialen Zuweisungen zu rechtfertigen.

    Ich hoffe, dass die Beschimpfungen des Sozialstaates nie die Qualität der Beschimpfungen von „Brüssel“ oder denen in „Washington“ erreichen.
    Wilfried

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